Donnerstag, 1. März 2007

Begegnungen

Das Licht Nummer Zehn leuchtet, während sich die beiden Türhälften hinter mir schließen. Kaum, dass diese verriegelt sind, erlischt Nummer Zehn und Nummer Neun leuchtet auf. Der Fahrstuhl hat sich unmerklich in Bewegung gesetzt und, wie immer, spüre ich keine Fahrt.
Nummer Acht.
Nummer Sieben.
Heute dauert es länger als sonst, ich kann mich nur schwer konzentrieren und der Müdigkeit ein Wartemal-Schild vorhalten.
Nummer Sechs ist während eines Gedankens vorbei und Nummer Fünf ist soeben erloschen. Keine merkliche Fahrt.
Die letzten Nummern nicke ich mit dem Kopf ab.
Als das Licht der Nummer Eins stirbt, schweben vor mir die Türhälften auf. Ich blicke mich um und sehe nur eine holzvertäfelte Wand, wo noch vor Augenblicken Türen waren.

Im Flur vor dem Lift empfängt mich eine Schüssel Quark mit einem Suppenlöffel darin.
„Willkommen, was möchtest du zuerst tun?“
Ich antworte nicht und wende mich einer weißen Tür zu meiner Rechten zu. Der Quark hoppelt mir hinterher und bleibt neben dem Türrahmen stehen. Ich betrete das Sprechzimmer und schließe die Tür.
Wie immer alles unwirklich realistisch. Am Ende des schlauchartigen Raumes steht eine Behandlungsliege aus den frühen 80ern. Welches Jahrhundert ist mir nicht klar. Der Schreibtisch wirkt mit einem Stapel Papier an einer Ecke und einer Schreibunterlage sehr aufgeräumt. Wahrscheinlich quietscht der Drehstuhl, wenn man sich drauf setzt.
An der Wand hängt ein Medizinschrank, ein großes blaues Kreuz auf der Tür.
Leer sollte er sein, doch darin steht ein Legomännchen. Es trägt sein dümmliches Grinsen, einen Bauhelm und in den unförmigen Händen einen Presslufthammer.
Ich weiß also noch nicht, dass ich bald Rückenschmerzen bekomme, also stecke ich das Männchen in meine Wirbelsäule. Sofort geht es an die Arbeit und hämmert die Betonblöcke entlang meiner Wirbel auf. Endlich etwas Spürbares.

Ich verlasse das Sprechzimmer, ignoriere den Quark und gehe den Flur entlang, der in eine Bibliothek mündet. Meine Augen haben das Gefühl, sich an die Dämmerigkeit gewöhnen zu müssen, doch dämmerig ist es nicht. Nur unwirklich.
Die Wände sind nicht zu auszumachen, sind sie doch angefüllt mit Regalen bis unter die Decke. Messingfarbene Leitern finden sich in unregelmäßigen Abständen daran. Ein offener Kamin in der Mitte des Raumes verströmt weiches Licht, aber keine Wärme. Warm ist es auch ohne Feuer. Die Schüssel mit dem Quark ist bereits am Schreibtisch im Jugendstil angekommen und sieht mich erwartungsvoll mit den Fettaugen an.
Doch zuerst gehe ich zum Stehpult.
Darauf liegt aufgeschlagen ein schweres, großes Buch in dunkelbraunem Leder. Tu es, steht auf dem Büttenpapier. Das Buch erzählt nie das Gleiche.

Ich hebe die Schüssel auf den Tisch und beginne, den Quark zu löffeln. Er wird sowieso bald wieder da sein. Noch immer keine Emotion in mir trotz des Sättigungsgefühls.
Ich öffne die rechte Schublade und Agent Mulder setzt sich, lasziv die Beine übereinander schlagend, auf den Tisch. Du weißt, was zu tun ist, nicht wahr, fragt er mich.
Nein, antworte ich ihm, lehne mich zurück. Dafür habe ich doch dich. Nimm Bruce mit und suche mit ihm. Ich öffne die linke Schublade und Bruce Willis schnappt sich Agent Mulder und stürmt mit ihm aus der Bibliothek.

Warum hast du das getan, fragt der Quark aus der Schüssel. Ich wusste, dass er bald wieder da sein wird. Mulder nervt mich, antworte ich und stelle die Schüssel auf den Boden zurück.
Dann schlendere ich einen Halbkreis um den Kamin und setze mich in den Ohrensessel. Der Quark schiebt mir das Fußbänkchen zurecht.
Ich schlafe ein und träume.

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